Überbringer von Todesnachrichten

Trotzdem verlangt die Aufgabe, Angehörige vom Tod eines ihnen nahe stehenden Menschen zu informieren, dem Boten viel ab.

"Es ist schon eine sehr heikle Aufgabe", sagt Polizeidirektor Müller. "Deshalb holen wir uns inzwischen immer Unterstützung vom Kriseninterventionsteam oder einem Notfallseelsorger."


Die meisten Menschen wüssten, was sie erwartet, wenn plötzlich ein Polizeibeamter in Begleitung an der Tür klingle. "Die Leute wollen es aber trotzdem nicht wahrhaben", sagt Müller. Auf der Schwelle werde die Todesnachricht selbstverständlich nie überbracht. Man gehe gemeinsam in die Wohnung, setze sich, Wittmann nennt es "einen Schutzraum schaffen". Dann aber gelte es, "klar in einem Satz die Wahrheit zu sagen. Das ist eine absolute Extremsituation, das macht keiner gern", gibt Müller zu. Trotzdem sei es wichtig und richtig, dass uniformierte Polizeibeamte die schwere Aufgabe übernehmen: "Die Polizei strahlt Kompetenz aus." Die Angehörigen könnten dadurch darauf vertrauen, dass die Nachricht gesichert sei. Wie sie reagierten, sei unterschiedlich. "Das reicht vom apathischen Dasitzen bis zum Demolieren der Einrichtung", berichtet Wittmann von seinen Erfahrungen.


Die Fragen der Angehörigen hingegen gleichen sich. Was ist passiert, wann ist es passiert, hat jemand Schuld, war der Verstorbene sofort tot, wo ist der Tote jetzt, kann ich ihn sehen? Um all das wahrheitsgemäß klären zu können, sei eine gute gemeinsame Vorbereitung von Polizei und Kriseninterventionsdienst unabdingbar. "Wenn diese Fragen alle beantwortet werden, ist aber schon viel aus der Situation rausgenommen", sagt Polizeidirektor Müller.


Er erinnert sich an einen Einsatz, als ein Vermisster nach stundenlanger Suche tot aufgefunden wurde. "Die Ehefrau hat die Tür geöffnet. Zusammen mit dem Notfallseelsorger bin ich ins Wohnzimmer gegangen und habe ihr dort mitgeteilt, was passiert ist." Daraufhin habe zunächst einmal Ruhe geherrscht. "Doch dann kamen die Fragen." Müller sei geblieben, bis alle sachlichen Fragen geklärt waren - "aber dann merkt man auch, dass es Zeit ist zu gehen". Der Mensch in Uniform trete als der Überbringer der schlechten Nachricht auf - danach sollten Kriseninterventionsdienst oder Notfallseelsorge übernehmen. Müller gibt zu: "Man ist innerlich sehr intensiv betroffen." Am schlimmsten sei es, Eltern die Nachricht vom Tod des Kindes überbringen zu müssen. Der dreifache Vater weiß: "Fast jeder Polizeibeamte hat selbst Kinder. In dieser Situation wird einem dann klar, dass der Tod die Menschen zufällig trifft, und dass es auch das eigene Kind sein könnte."


Bei aller Professionalität - das Überbringen einer Todesnachricht bleibt für die Boten belastend. "Jeder Kollege entwickelt dafür eigene Bewältigungsmechanismen", sagt Müller. Heutzutage werde jedoch kein Beamter mehr mit seinen Problemen alleingelassen. "Alle versuchen zu helfen und zu unterstützen, da kommen keine dummen Sprüche mehr. Denn jeder weiß, dass er auch selbst nicht vor so einer Situation gefeit ist."


Hintergrund

Dass Polizeibeamte nach einem Unglücksfall die Todesnachricht überbringen, hat rechtliche Gründe. Zuständig für diese Aufgabe ist die jeweilige Wohnortdienststelle der Verstorbenen. Der Benachrichtigung voraus geht stets die zweifelsfreie Klärung der Identität der Toten - Datensicherheit geht dabei vor Schnelligkeit. Eine Identifizierung der Verstorbenen durch Angehörige ist nur in den allerseltensten Fällen notwendig. Der Besuch bei den Angehörigen wird gemeinsam mit dem Kriseninterventionsdienst (KID) vorbereitet. Die Träger sind regional unterschiedlich. Der KID (Neu: Psychosoziale Notfallversorgung Betroffene - PSNV-B-) wird nicht nur beim Überbringen einer Todesnachricht aktiv, sondern betreut Angehörige und Hinterbliebene auch nach häuslichen Todesfällen, Suiziden, Unfällen oder nach einem plötzlichen Kindstod. Weiterhin sind die Mitarbeiter bei sogenannten "Großschadensereignissen" im Einsatz. Dabei geht es auch darum, mittel- und langfristig der Entstehung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) vorzubeugen.


Ehrenamtliche Mitarbeiter, die eine aufwendige Ausbildung durchlaufen müssen, bleiben bis zu mehreren Stunden bei den Angehörigen. Sie sehen sich als eine Art "Ersthelfer", leisten unmittelbar Beistand, aktivieren das soziale Netzwerk und holen in Einzelfällen auch ärztliche Unterstützung hinzu. Die Dienste des KID sind für die Betroffenen kostenlos. "Wir weisen die Leute darauf hin, was alles an Unterstützung möglich ist, aber wir sind keine Psychologen oder Therapeuten", sagt Wittmann. Im Schnitt bleibe man zwischen zwei und fünf Stunden bei den Angehörigen. "Es ist ein Angebot, und wir hoffen, dass der Angehörige sich darauf einlässt." Nicht jeder brauche und wolle in einer Extremsituation allerdings die Unterstützung von Kriseninterventionsdienst und Notfallseelsorge. (Quelle: Onetz, G. Weiß)